Warum nicht mitdemonstrieren?

Autor: Tobias Dietzek über Gründe des nicht-Demonstrierens

Befragung vom 20.10.2018 in Rostock

Am vergangenen Samstag wurde Rostock erneut zu einem Schauplatz von Demonstrationen (AfD-Demo und diverse Gegendemos). Auch wir waren vor Ort und haben Leute in der Innenstadt befragt. Welche Seite? Weder die Demonstrierenden der AfD noch die der Gegenseite. Unser Ziel waren die Passanten, die aus unterschiedlichsten Gründen in der Innenstadt waren, aber nicht mitdemonstriert haben oder wollten. Wir haben ihnen mehrere Fragen gestellt und im Folgenden könnt ihr sehen, welche das waren und was dabei herauskam. Warum wir das taten? Zunächst wird in den etablierten Nachrichtendiensten genug über die Demonstrationen berichtet. Dabei werden Fragen rund um das aktive Demogeschehen beantwortet, beispielsweise wie viele dort waren oder ob es Ausschreitungen gab. Uns hat eine andere Frage umtrieben. Überall, ob auf Facebook, diversen anderen Plattformen oder in

Interviews: Aus unserer Sicht bekommt man das Gefühl, dass ein Großteil der deutschen Bürger sich mit der aktuellen Lage auseinandersetzt. Jeder hat eine Meinung, was zwar gut ist, aber ebenso verwunderlich. Warum? In einer Stadt wie Rostock mit über 200.000 Einwohnern gehen insgesamt rund 2750 Menschen demonstrieren. Auf welcher Seite soll erstmal egal sein, aber wir haben in Deutschland das, durch viele demokratische Bewegungen erkämpfte Demonstrationsrecht. Und uns hat sich die Frage gestellt: Woran liegt es, dass die Menschen nicht zur Demo gehen? Genug Erklärung. 😉 In den nächsten Zeilen findet ihr Informationen über Fragen, Ergebnisse, unsere Methodik und unsere Eindrücke. Geordnet wird das ganze durch die Fragen, die wir den Passanten in einer bestimmten Reihenfolge stellten.

Haben sie heute noch vor zu einer der Demonstrationen zu gehen?

Die Frage stellten wir weniger um sie in unsere Ausführungen einzubeziehen, jedoch benötigten wir sie trotzdem, um die Personen herauszufiltern, die für unsere Befragung interessant wa-

ren, und zwar die Nichtdemonstrierenden. Bei 150 Befragten antworteten auf diese Frage 106, dass sie nicht mehr zu einer Demonstration gehen werden. Nach Alter oder anderen Eigenschaften wurde bei der Befragung nicht selektiert. Ziel war es, dass gesamtgesellschaftliche Bild einzufangen. Außerdem ist zu beachten, dass manche Personen mehrere Antworten auf die offen gehaltenen Fragen äußerten.

Warum haben sie diese Entscheidung getroffen?

Diese Folgefrage richtete sich an alle Personen, die bei der ersten Frage antworteten, dass sie keine Demo besuchen. Am Häufigsten nannten die Befragten als Grund dafür die schlechte Planung der Demos. Zum einen ist damit die Verbreitung der nötigen Informationen gemeint, da viele erst zu spät von den verschiedenen Demos, den Uhrzeiten und Treffpunkten erfuhren. Zum anderen wurde auch die Logistik angesprochen, da die Absperrungen oder die Lage in der Innenstadt generell vielen Bürgern nicht zusagten. Dicht gefolgt war diese Antwort von der Angst vor Gewalt und dem Ärger über das zu große Polizei-

aufgebot, sowie der Angabe, dass nicht so ein starkes politisches Interesse vorherrsche. Außerdem sahen mehrere Befragte keinen Sinn in den Demos, zumindest nicht in der Art wie sie zurzeit stattfinden. Diese Antworten, die eine eigene Meinung zum Thema zur Grundlage haben, waren jedoch nur ein Teil der Reaktionen auf die Frage. Die Mehrheit, 58 Personen, antworteten, dass sie keine Zeit hätten, worauf wir fragten:

Hätten sie theoretisch die Möglichkeit gehabt, wären sie dann zu einer der Demos gegangen?

Auf diese Frage reagierten bereits einige Passanten überrascht und 29 von ihnen sagten aus, dass sie eine der Gegendemonstrationen besucht hätten. Überraschend war an dieser Stelle, dass niemand antwortete, das er oder sie zur AfD-Demo gegangen wäre. Dies kann verschiedene Gründe haben. Denkbar aus unserer Sicht ist, dass einige sich nicht vor uns in diese Richtung dazu äußern wollten, dies ist jedoch eine Hypothese. Auf die genannte Frage antworteten außerdem 29 Personen, dass sie dann trotzdem zu keiner Demo gegangen wären, woraufhin wir fragten:

Warum?

Dieses eine Wort rief bei den Befragten die verschiedensten Reaktionen hervor. Einige fingen an zu lachen, andere verzogen die Stirn. Es schien, dass diese Nachfrage einige von ihnen aus der Reserve lockte. Der Großteil machte hier die Gewalt zur Ursache. Andere Antworten waren, dass die Notwendigkeit noch nicht gesehen wird, es nichts bringt oder, dass die Leute von der Demo Garnichts wussten. Außerdem kritisierten mehrere Personen, dass sich viele Demonstranten aus ihrer Sicht ungebührend verhalten, da sie oft viel Alkohol konsumieren und viele die Demonstrationen mit Partys verwechseln würden.

Insgesamt war die Umfrage für uns sehr spannend, da wir nicht nur 150 Personen befragten, sondern auch von 158 Personen direkt abgeblockt wurden. Wichtiger sind jedoch die Antworten. Diese scheinen nur selten etwas mit zu wenig Interesse zu tun zu haben, sondern vielmehr mit der Art und Weise, wie die Demonstrationen organisiert sind und ausgeführt werden. Die Gewalt spiele hier eine wichtige Rolle, welche Alt wie Jung zu dem Entschluss bewog, nicht an den Demos teilzunehmen.Zum Schluss wollen wir euch noch die Reaktionen zeigen, die uns im Gedächtnis geblieben sind, da manche Menschen mehr zu sagen hatten, als nur auf unsere Fragen zu antworten:

• Eine Person war der Meinung, die Gegendemos seien nicht gut, da sie die AfD nur stärken würden, weswegen man die AfD einfach machen lassen solle.

• Das Gegenteil äußerte ein weiterer Befragter: so viele wie möglich sollten nach ihm zu den Gegendemos, damit die AfD-Leute die Lust verlieren.

• Außerdem kritisierten mehrere Befragte, dass sich in ihren Augen zu wenige Bürger einsetzen oder sich überhaupt interessieren.

• Eine junge Frau sagte uns, sie käme aus dem Kosovo und hätte ein solches Polizeiaufgebot das letzte Mal im Krieg erlebt.

Wir hoffen, dass ihr durch unsere Umfrage einen weiteren Blickwinkel auf die Demonstrationen gewinnen konntet. Und soviel ist zu sagen: Die nächsten Demos kommen und damit auch die nächsten Artikel.

Tobias Dietzek

Universität Rostock

LA Gym Sozialkunde/Geschichte

Quelle der Anzahl an Demonstrierenden am 20.10 in Rostock: dpa/sal:AfD-Demo in Rostock-Gegendemonstranten in deutlicher Überzahl, online unter:http://www.ostsee-zeitung.de/Mecklenburg/Rostock/AfD-Demo-in-Rostock-Gegendemonstranten-in-deutlicher-Ueberzahl [letzter Zugriff: 24.10.2018].

Legende für „Sonstige“ in Abbildung 3 (alle mit einer Stimme belegt): zu junge Menschen; noch keine Notwendigkeit, keine Vertretung der eigenen Meinung; beruflich vorbelastet( Polizist); will die poilitische Einstellung nicht öffentlich machen; keine Angabe

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