Die Macht der Aufklärung

Autorin: Anonym kommentiert die Bedeutung sexueller Aufklärung für die Gesellschaft.

Diese Geschichte beginnt in Flippiada, Griechenland in einem Auffanglager für Geflüchtete aus Afghanistan, Syrien, dem Iran und dem Irak, die hier an Europas Außengrenze gestrandet sind. Im Rahmen von Freiwilligenarbeit bot sich mir zweimal die Gelegenheit dieses Auffanglager zu besuchen. Ich hörte von vielen tragischen Schicksalen, sah viel Drama und lernte unterschiedlichste Menschen kennen. In zahlreichen Gesprächen mit den Campbewohnern trat ein Thema ganz besonders hervor:

Ich habe im Camp diesen Jungen kennengelernt. Ich liebe ihn und er liebt mich. Aber als mein Vater uns beim Küssen erwischte, drohte er ihn umzubringen. Da ist er geflohen, seitdem habe ich ihn nicht mehr gesehen.“

oder

Sie war meine erste Freundin, noch damals in Damaskus, wir waren sehr verliebt. Sie wurde gezwungen einen anderen zu heiraten, deshalb habe ich ihre Nummer gelöscht.“

Diese Menschen flohen vor Tod und Zerstörung. Sie haben alles verloren und trotzdem bleibt ihr Herzensanliegen die Liebe. Doch besonders im Kontakt mit den jungen Männern konnte ich auch eine weniger romantische Seite der Medaille kennenlernen. Späße wie ‚Lutsch meinen Schwanz‘ oder Aussagen über ‚die Fotze deiner Schwester‘ gehörten bei den Männern zum guten Ton. Als ich einmal bei Facebook ein Bild postete mit dem Text zweier palästinensischer Frauen beim Women’s Rights March, auf deren Schild ‚Keine Heiligen, keine Huren, einfach Frauen‘ sowohl auf Englisch als auch auf Arabisch stand, überraschten mich die Reaktionen: Besorgte Männer fühlten sich genötigt mir mitzuteilen, dass ich das Wort Hure nicht sagen dürfe. Ein ganz besonders kecker Bursche kam sogar zu dem Schluss, dass ich ja selbst eine Schlampe sei, da ich dieses Wort benutzt hatte.

Solche Ereignisse regten mich an, über den Ursprung dieses Ego-gesteuerten Machoverhaltens nachzudenken, welches sich selbst bei den liebenswürdigsten jungen Männern im Camp in stark abgeschwächter Form beobachten ließ. Durch einen Artikel über eine Frau, die Geflüchteten Aufklärungsunterricht gibt[1] inspiriert, fing ich an zu hinterfragen, welche Rolle sexuelle Aufklärung in einer Gesellschaft spielt. Die meisten jungen Frauen und Männer wuchsen in einem Umfeld auf, das Sexualität tabuisiert. Zwar gibt es an manchen Schulen Aufklärung im Biologie- oder Religionsunterricht, aber in einer Gesellschaft, in der vorehelicher Sex mit sozialer Ächtung bestraft wird und es kaum Raum für offene Gespräche und ehrliche Fragen gibt, fällt es schwer ein gesundes Verhältnis zur eigenen Sexualität aufzubauen. Diese Unsicherheit mit dem eigenen Körper sowie dem des anderen Geschlechts, gepaart mit einer starren, etablierten Vorstellung von Männlichkeit führt zum Überspielen des eigenen Unwohlseins mit Machogehabe und Hahnenkämpfen. In Gesprächen dagegen, die sich durch Akzeptanz und Respekt auszeichneten und so Ehrlichkeit ermöglichten, fielen diese Masken der Arroganz und die verunsicherten Männer begannen ihr Verhalten und ihre Wertevorstellungen zu hinterfragen.

Diese persönlichen Erfahrungen machte ich mit den Geflüchteten, die ich in Griechenland und Deutschland kennenlernte und dachte darüber nach, als Ärztin später Aufklärungsarbeit in der arabischen Welt zu leisten. Doch dann wurde mir bewusst, dass es doch etwas zu einfach wäre aus einer westlich-zentristischen Perspektive über andere Kulturen urteilen. Fangen wir doch einmal bei uns selbst an, in unserem Umfeld, in unserer Kultur. Wie gut sind wir aufgeklärt?

Nehmen wir uns doch einmal ein Biologiebuch aus dem Schulunterricht zur Hand und schlagen das Kapitel Sexualität auf. Wir finden anatomische Zeichnungen von männlichen und weiblichen Geschechtsorganen: Prostata, Bläschendrüse, Penis und Hoden, Vagina, Gebärmutter und Eierstöcke. So weit so gut. Doch bei genauerem Hinschauen fällt auf, dass die männlichen Geschlechtsorgane viel mehr im Scheinwerferlicht der Autoren stehen. Anhand der Abbildungen der weiblichen Geschlechtsorgane könnte man den Eindruck gewinnen, sie wären ausschließlich zum Kinderkriegen da und Vulva, Geschlechtslippen und Klitoris existieren gar nicht. Sogar in der Anatomievorlesung für Erstsemester der Medizin führt sich diese weitverbreitete Ignoranz fort. Der Professor erklärte den anwesenden Studierenden vollkommen selbstverständlich:

Der Hoden und der Penis befinden sich zu Beginn der Entwicklung am hinteren Rücken des Embryos und sinken dann durch den Leistenkanal nach vorne, außen ab. Bei der Frau verändert sich nicht viel, alles sinkt nur etwas tiefer ins Becken.“

 Bei dieser Aussage bezieht er sich einzig und allein auf die Fortpflanzungsorgane und lässt völlig außer Acht, dass sowohl männliche als auch weibliche Geschlechtsorgane aus derselben Anlage entstehen und bis zur 9. Woche exakt gleich sind. Später entwickelt sich aus dem Geschlechtshöcker beim Mann die Eichel und bei der Frau die Klitoris und aus dem Geschlechtswulst beim Mann der Hoden und bei der Frau die großen Geschlechtslippen.[2] Das bedeutet die selbe Sensibilität, mit der Hoden und Eichel des Mannes ausgestattet sind, was auch allgemein bekannt ist und in jedem Anatomie- oder Biologiebuch erwähnt wird, findet sich genauso in den äußeren Geschlechtsorganen der Frau wieder. Und diese verdienen erwähnt zu werden. Es gibt so viel zu lernen über Sexualität, dieses Thema scheint unerschöpflich und wirkt sich auf viele Lebensbereiche aus. Trotzdem scheint der weibliche Orgasmus noch immer ein Mythos zu sein und viele Frauen haben Probleme ihre Vulva und Vagina ohne Angst oder Scham zu benennen oder haben sie noch nicht einmal wirklich betrachtet. Eine umfassendere schulische und universitäre Bildung zu Sexualität könnte diese Unsicherheit und Scham aus dem Weg räumen, und die Basis schaffen für ein gesünderes Verhältnis von Männern und Frauen zu ihrem Körper und dem ihrer Partner_Innen.

Shereen El Feki, eine halb ägyptische, halb britische Journalistin, die das Liebesleben der arabischen Welt erforschte, bezog sich in ihrem Buch „Sex und die Zitadelle“ auf den österreichischen Psychoanalytiker Wilhelm Reich und griff folgende provokante These auf: Die Veränderung eines politisch-gesellschaftlichen Systems bedeutet nicht, dass die sexuelle Ordnung mitverändert wird, aber ohne ein Verändern der sexuellen Ordnung kann Freiheit niemals Bestand haben.[3] In Systemen mit Diktatoren und sexueller Unterdrückung ist diese Freiheit noch viel zerbrechlicher als bei uns und wir können dankbar sein für die schon ausgefochtenen Kämpfe, die uns unsere Freiheit ermöglichen. Doch nur weil es schlimmer geht, heißt das noch lange nicht dass es keine Missstände aufzuzeigen gibt. Wir können die Veränderung sein, die wir in der Welt sehen wollen, uns weiterbilden, unsere Lehrer_Innen hinterfragen und uns untereinander austauschen. So verlieren Angst und Scham ihre Macht und immer mehr Menschen lernen selbstbewusst mit ihrer Sexualität umzugehen.

Name: Anonym

Universität Rostock

Staatsexamen Medizin (Humanmedizin)

[1]https://www.zeit.de/zeit-magazin/leben/2017-02/sexuelle-aufklaerung-fluechtlinge-deutschland [letzter Zugriff 30.11.2018].

[2]Norbert Ulfig, Kurzlehrbuch Embryologie, 2017 New York, S. 130 f.

[3]Vgl. Shereen El Feki, Sex und die Zitadelle-Liebesleben in einer sich wandelnden arabischen Welt, 2013 Berlin, S. 51.

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