Die Zigarette und die Frage nach dem „Warum“

Autor: Friedrich von der Ahe über die Gründe von Zigarettenkonsum

120.000 Todesfälle jährlich und 80 Milliarden Euro Kosten deutschlandweit. Dies sind die vom Deutschen Krebsforschungszentrums im Rahmen des 2015 veröffentlichten Tabakatlas erhobenen Daten.

Wenn man diese Daten sieht und berücksichtigt, dass jedem Raucher in Deutschland bewusst ist, dass Rauchen schädlich ist, stellt sich eine große Frage. Warum rauchen so viele Menschen trotzdem? Dafür muss ein Blick zurück zu den Anfängen des Rauchens geworfen werden. Den amerikanischen Ureinwohnern schon viel länger bekannt, gelangte die Pflanze durch heimkehrende Seefahrer im 16. Jahrhundert nach Europa. Anfangs als heidnisches Laster verrufen, verbreitete sich die als Zigarre gerauchte, gekaute oder geschnupfte Pflanze im Rahmen des 30-Jährigen Krieges durch Soldaten bald in ganz Europa und wurde zu einem gesellschaftlichen Statussymbol. Mit der einsetzenden Industrialisierung etablierte sich eine neue Art des Rauchens, die Zigarette. Es folgten der erste und der zweite Weltkrieg, welche mit einem immensen Anstieg des Tabakkonsums einher gingen.

Aber warum? Schauen wir uns die Wirkungsweise von Tabak, insbesondere des Nikotins, an wird klar, warum das Rauchen besonders unter Soldaten anklang fand und sich durch Kriege verbreitete.

Das während des Rauchens freigesetzte Nikotin gelangt in unsere Lunge und wandert von dort in unser Blut. Es überwindet die sogenannte „Blut-Hirn-Schranke“ – ein Schutzsystem des Körpers vor toxischen Substanzen – und entfaltet seine Wirkung bereits nach ca. 10 Sekunden durch Bindung an „Nikotinerge Acetylcholinrezeptoren“. (An diesen bindet sich normalerweise das körpereigene Acetylcholin, aber auch Nikotin ist dazu in der Lage.)

Diese Rezeptoren befinden sich z.B. in unserem Nervensystem, wo Nikotin u.a. zur Freisetzung von Dopamin führt, welches wiederum Teil unseres körpereigenen Belohnungszentrums ist. Es sorgt auf diesem Wege für ein Wohlgefühl und wirkt kurzfristig beruhigend auf den Raucher, ist gleichzeitig aber auch an der Ausbildung der Sucht beteiligt.

Außerdem werden Areale unseres Gehirns angesprochen, welche zur Steigerung des Konzentrationsvermögens führen, das Weckzentrum stimulieren und so die Aufmerksamkeit erhöhen sowie zur Dämpfung von Emotionen führen können. Weiterhin sind besagte Rezeptoren ein wichtiger Teil unseres unbewussten Nervensystems zur Steuerung körpereigener Vorgänge. Hier führt Nikotin (in „normalen“ Dosen) vornehmlich zu einer Erhöhung der „Sympathikus Aktivität“, unseres Kampf und Fluchtsystems. Nikotin bindet hierbei u.a. an die Rezeptoren der Nebenniere, wodurch Adrenalin in unseren Körperkreislauf ausgeschüttet wird. Daraufhin kommt es zur Erhöhung des Blutdrucks und der Herzfrequenz, sowie einer vermehrten Bereitstellung von Glucose im Blut, was die Leistungsfähigkeit erhöht. Gleichzeitig wird das Brechzentrum stimuliert, wodurch der Appetit sinkt und Übelkeit hervorgerufen werden kann, während der Verdauungstrakt durch Erhöhung der Magensäureproduktion aktiviert wird. Diese Wirkungskombination ist u.a. dafür verantwortlich, dass Rauchen zu einem verringerten Hungergefühl sowie einem höheren Energie-Grundumsatz führt. Unter Anderem lässt sich so erklären, warum Raucher beim Absetzen der Zigarette häufig mit Gewichtszunahmen und Hungerattacken zu kämpfen haben.

Zusammengefasst erhöht die Zigarette also kurzfristig die Konzentration, die Aufmerksamkeit und die körperliche Leistungsfähigkeit, während Emotionen gedämpft, Stress unterdrückt und der Appetit verringert werden können. Sehr wünschenswerte Effekte für einen Menschen, der in einer absoluten Stresssituation wie dem Krieg weiterhin funktionieren soll. Berücksichtigt man noch psychosoziale Komponenten wie das Zusammengehörigkeitsgefühl beim Rauchen, wird verständlich, warum gerade Soldaten auf das Beruhigungsmittel Tabak zurückgreifen/-griffen. Man könnte Stress also als treibende Kraft bei der Verbreitung des Rauchens ansehen.

Doch wie sieht es aktuell aus? Heutzutage wissen wir, dass Rauchen gefährlich ist. Nach einer Schätzung des Robert-Koch-Instituts sind 9 von 10 Lungenkrebserkrankungen von Männern auf das Rauchen zurückzuführen. Aber auch ein erhöhtes Risiko anderer Formen wie des Speiseröhren-, Bauchspeicheldrüsen-, Leber- und Brustkrebs lassen sich mit dem Rauchen in Zusammenhang bringen. Weiterhin kann chronischer Tabakkonsum zu einer Deformierung unseres Lungen und Atemwegsgewebes führen, was sich in einer Verengung der Atemwege und einer Überblähung der Lungenbläschen äußern kann. Die Folgen sind häufig Atemnot und eine verminderte Sauerstoffabgabe an das Blut. Durch Schädigung der Blutgefäße und verstärkter Verkalkung nimmt zusätzlich die Durchblutung der Organe ab, was im Umkehrschluss mit einer Zunahme der Herzarbeit kompensiert werden muss. Durch diese erhöhte Herz-Kreislauf-Belastung steigt das Risiko für Folgen wie Schlaganfälle und Herzinfarkte erheblich. So geht man bei einem Raucher von einem ungefähr doppelt so hohem Herzinfarkt Risiko aus, im Vergleich zu einem Nichtraucher.

Zu den Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen zählen auch Stoffwechselerkrankungen, wie zum Beispiel Diabetes. Nicht bewusst ist den meisten Rauchern jedoch, dass mit dem Nikotinkonsum ein bis zu 1,6-fach erhöhtes Risiko einhergeht, an Diabetes zu erkranken und dadurch wiederum das Herz-Kreislauf-Risiko weiter zu erhöhen.

Durch diese und weitere (Spät-)Folgen des Rauchens lassen sich die eingangs erwähnten Zahlen erklären. 120.000 Todesfälle Deutschland – oder 6-7 Millionen Todesfälle Weltweit. 80 Milliarden Euro jährliche Mehrbelastung für die Deutsche Gesellschaft. Davon werden 25 Mrd. dem Gesundheitssystem zugeschrieben, 55 Mrd. kommen durch Produktionsausfälle und Frühverrentung zustande.

Abschließend wollen wir uns noch ein letztes Mal die Frage, nach dem Warum stellen. Warum also rauchen wir? Wenn man heutzutage Tabak entdecken würde, wäre dieser möglicherweise nicht in der gegenwärtigen Art und Weise frei verkäuflich auf dem Markt.
In einer Gesellschaft wie der Unsrigen, welche immer schnelllebiger wird, in der das Stresslevel der Menschen immer weiter zunimmt, steigt der Bedarf nach Ausgleich und Hilfsmitteln zur Bewältigung des eigenen Lebens. Tabak bietet dabei für viele ein Mittel, welches diese Bedürfnisse teilweise erfüllen kann, legal und einfach zu beschaffen ist und bereits einen Platz in unserer Gesellschaft hat.

Friedrich von der Ahe

Universität Rostock

Staatsexamen Medizin (Humanmedizin)

Literatur/Quellen:

Starke, Klaus: Vorwiegend neuronal wirkende Nicotinrezeptor-Agonisten und -Antagonisten; in: Aktories, Klaus; Förstermann, Ulrich; Hofmann, Franz; Starke, Klaus (Hrsg.): Allgemeine und spezielle Pharmakologie und Toxikologie, Freiburg (u.a.) 2004. Seite 163-165.

https://www.dkfz.de/de/presse/pressemitteilungen/2015/dkfz-pm-15-49-Tabakatlas-Deutschland-2015-Neue-Daten-neue-Fakten.php, 23.11.2018.

https://www.zeit.de/wohlfuehlen/Rauchkultur, 23.11.2018.

https://www.dkfz.de/de/rauchertelefon/Nikotin_Wirkung.html, 23.11.2018.

https://www.lungenaerzte-im-netz.de/krankheiten/nikotinsucht/ursachen/, 27.11.2018.

https://www.krebsinformationsdienst.de/vorbeugung/risiken/rauchen-und-passivrauchen.php, 27.11.2018.

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/25336749, 27.11.2018.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.