Fairtrade: Das Siegel in Theorie und Praxis

Autor: Nicolas Bahr über das Fairtrade-Siegel, was es bedeutet und was es bringt.

Was ist Fairtrade eigentlich? Tatsächlich ist diese Frage gar nicht mal so einfach zu beantworten. Sucht man nach einer offiziellen Webseite, stößt man schnell auf „fairtrade-deutschland.de“. Dies ist die Seite einer nationalen Organisation namens Transfair e.V.: „Wir sind eine unabhängige Initiative zur Förderung des fairen Handels und vertreten Fairtrade in Deutschland.“1 Dies stellt die deutsche Variante der insgesamt 26 nationalen Fairtrade-Organisationen (NFO) dar. Neben diesen stehen unter der Dachorganisation „Fairtrade International“ auch noch „[…] drei Produzentennetzwerke [folgend: PN] und acht Fairtrade Marketingorganisationen, die Fairtrade auf neuen Märkten etablieren.“2

Wie funktioniert dieses System? Zum einen gibt es eine Generalversammlung, in der das Stimmrecht auf die nationalen Organisationen und die Produzentennetzwerke gleichmäßig aufgeteilt ist. (NFO: 50%, PN: 50%) Weiterhin gibt es den von eben dieser Generalversammlung gewählten Vorstand. Dieser stellt das zentrale Entscheidungsorgan im Fairtrade-System dar. „Er beschließt die Fairtrade-Strategie und verabschiedet die Fairtrade-Mindestpreise, -Prämien und Standards.“2 Weiterhin sind die PN für die Vertretung und Beratung der Produzenten, den Aufbau von Märkten und für Projektarbeit zuständig. NFOs hingegen beraten Ex- und Importeure, Hersteller und Händler und vergeben die Fairtrade-Siegel. Die Überprüfung der Einhaltung der Standards führt „FLOCERT“, eine nach eigenen Aussagen unabhängig geleitete Tochtergesellschaft von „Fairtrade International“ durch. Es gibt also zusammenfassend einen von der Generalversammlung gewählten Vorstand, welcher bestimmte Standards für die gesamte Wertschöpfungskette festlegt, deren Einhaltung von FLOCERT überprüft wird.

Nun kommt die nächste Frage auf: Was sind denn diese sogenannten Standards für die Fairtrade-Siegel? Laut TransFair stellen sie das soziale, ökologische und ökonomische Regelwerk für „[…] Kleinbauernorganisationen, Plantagen und Unternehmen entlang der gesamten Wertschöpfungskette […]“3 dar. Inhaltlich geht es um die Stärkung der Kleinbauern/-bäuerinnen und Arbeiter/-innen, Umweltschutz und Mindestanforderungen an Händler und Hersteller. Näheres dazu kann man auf der Seite „https://www.fairtrade-deutschland.de/was-ist-fairtrade/fairtrade-standards.html“ erfahren.

Das System Fairtrade sollte nun vielleicht etwas verständlicher geworden sein. Aber wie gestaltet sich die Theorie in der Praxis? In einem Bericht des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung e.V. wird anhand empirischer Studien behauptet, dass Mindestpreise von Produkten meist nicht zu höheren Einkommen bei Produzenten führen. Ein positiver Effekt entstehe jedoch aus „[…] Regelungen, die zur Umsetzung sozialer Projekte, dem langfristigen Aufbau von Lieferbeziehungen sowie einem besseren Zugang zu Krediten führen, aber auch hier sind die Ergebnisse empirischer Studien nicht durchweg positiv.“4 Um fairen Handel in Deutschland umzusetzen, setzt sich TransFair weiterhin durch politische Forderungen und Positionierungen ein:

  1. kohärente, an Entwicklungszielen ausgerichtete Regierungspolitik
  2. Folgenabschätzungen
  3. mehr nachhaltige Konsum- und Produktionsmuster
  4. konkrete Hilfe bei der Anpassung an den Klimawandel
  5. gerechtere EU-Handelspolitik

Es bleibt jedoch fraglich, inwiefern sich diese Forderungen auf die tatsächliche Politik auswirken. Fairtrade fühle sich jedoch (laut Dieter Overath (u.a.) in seiner Schrift „Fairtrade und Corporate Social Responsibility“) durch die Verabschiedung der Sustainable Development Goals bestätigt. „Welt Sichten“ schreibt, aus einer Studie sei hervorgegangen, dass Produzenten und Arbeiter im fairen Handel höhere und stabilere Einkommen haben, Geld sparen können und besser an Kredite kommen. Zu weniger positiven Ergebnissen sei die Studie jedoch im Bereich Frauenarbeit und Kinderarbeit gekommen: „Hier kann der faire Handel trotz seiner demokratischen und partizipativen Strukturen allein nicht viel ausrichten.“5

Schlussendlich bleibt noch zu erwähnen, dass in diesem Bericht der Komplex Fairtrade nur angeschnitten und skizziert wurde, weshalb nicht behauptet werden kann, dass alle Teilbereiche und mögliche weitere positive Effekte und Schwierigkeiten, aufgezeigt wurden.

Nicolas Bahr

Universität Rostock

MA Politikwissenschaft

Literatur/Quellen:

1https://www.fairtrade-deutschland.de/service/ueber-transfair-ev.html, 23.04.2019.

2https://www.fairtrade-deutschland.de/was-ist-fairtrade/fairtrade-system.html, 23.04.2019.

3https://www.fairtrade-deutschland.de/was-ist-fairtrade/fairtrade-standards.html, 23.04.2019.

4Baake, Pio; Friedrichsen, Jana; Naegele, Helene: Soziale Nachhaltigkeitssiegel: Versprechen und Realität am Beispiel von Fairtrade-Kaffee, Berlin 2018. (DIW Wochenbericht 48, zu finden unter: https://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.608366.de/18-48-1.pdf, Seite 1036)

5https://www.welt-sichten.org/artikel/7987, 23.04.2019.

https://www.flocert.net/de/ueber-uns/, 23.04.2019.

Overath, Dieter; Fuchs, Heinz; Lübke, Volkmar: Fairtrade und Corporate Social Responsibility, in: Brüggemann, Stefan; Brüssel, Christoph; Härthe, Dieter (Hrsg.): Nachhaltigkeit in der Unternehmenspraxis. Impulse für Wirtschaft und Politik, Wiesbaden 2018. S. 167-176.

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