ÜberzeuGENDER Versuch

Autor: Deborah Kircheis zu den Vorteilen und Schwierigkeiten des Genderns in der deutschen Sprache.

Im Jahr 2015 führte Schweden als drittes Personalpronomen das geschlechtsneutrale Wörtchen „hen“ ein. Es gibt Menschen außerhalb des binären Spektrums die Möglichkeit, sich in ihrer Sprache zu identifizieren. Bereits in den 60ern wurde das neue Pronomen erstmals benannt, fand nun aber auch seinen Platz im schwedischen Standardwörterbuch. Damit ergänzt „hen“ die Pronomen „han“ (er) und „hon“ (sie) und Schweden wird zum Vorbild für eine genderneutrale Grammatik. [1]

Eine im August dieses Jahres veröffentlichte Studie des politikwissenschaftlichen Fachmagazins PNAS zeigte, dass das verwendete geschlechtsneutrale Pronomen sich sichtbar darauf auswirkt, wie die Menschen bestehende Geschlechterstrukturen beurteilen. Die teilnehmenden Personen, die das weibliche oder neutrale Personalpronomen innerhalb ihrer Aufgaben verwenden sollten, zeigten sich positiver und aufgeschlossener gegenüber Ideen der Gleichberechtigung und Geschlechtergleichheit. [2]

Auch in Deutschland wird der Diskurs über die genderneutrale Sprache durch ähnliche Studien gestützt. Vor allem junge Mädchen fühlen sich bestärkt darin auch männerdominierte Berufe zu ergreifen, wenn explizit auch die weibliche Form des Berufes genannt wird. [3]

Der Trend an Universitäten und Schulen geht deshalb dahin, sowohl in Wort als auch in Schrift alle Geschlechter gleichermaßen zu benennen, indem man sich beispielsweise Gendersterne oder Gendergaps zu eigen macht. Trotzdem entschied sich der deutsche Rechtschreibrat 2018 vorerst gegen die Aufnahme des Gendersterns in die neuste Auflage des Dudens.

Denn die Debatte um das Neutralisieren der deutschen Sprache ist kontrovers und vielschichtig. Der Verein Deutsche Sprache argumentierte innerhalb der Petition Schluss mit dem Gender-Unfug! emotional gegen die so bezeichneten „lächerliche[n] Sprachgebilde“ und konnte bis heute knapp 75 000 Unterschriften sammeln. In ihrem „Aufruf zum Widerstand“ beschreibt der Verein, dass „zwischen dem natürlichen und dem grammatischen Geschlecht“ kein fester Zusammenhang bestehe. [4] So belegt es auch der Linguist Peter Eisenberg: „Wortbildungslehren beschreiben das Ergebnis der Ableitung von Substantiven mit dem Suffix ,er‘ aus Verben (Bäcker aus backen) als ,Person, die jene vom Verb bezeichnete Tätigkeit ausübt‘. Von Männern ist beim Nomen Agentis nicht die Rede.“ [5]

So scheint es wohl, dass nicht das grammatikalische Geschlecht unsere Vorstellungen beeinflusst, sondern vielmehr die über Jahrhunderte geprägte soziale Realität unseren Eindruck von bestimmten Geschlechtern in bestimmten Berufsgruppen prägt. Diese Idee stützen auch vergleichbare Studienergebnisse aus dem Englischen, in dem der Genus die Sprache weniger dominiert.[6]

Die feministische Linguistin Luise F. Pusch spannt den Bogen noch etwas weiter, indem sie erklärt, wie der Genderstern Wörter in drei Teile reiße, nämlich in den männlichen Wortstamm, den Genderstern und die weibliche Endsilbe. „Damit sind wir Frauen wieder da gelandet, wo wir vor vierzig Jahren angefangen haben. Nur stand damals anstelle des Sterns ein Schrägstrich oder eine Klammer und symbolisierte, dass Frauen die zweite Wahl sind.“ [7]

Innerhalb der Debatte sind also nachvollziehbare Argumente der Vertreter und der Gegner von gendergerechter Sprache zu finden. Doch zeigt die Debatte um das genderneutrale Sprechen, dass sich die Ideen gleichberechtigter Geschlechter innerhalb unserer Gesellschaft noch nicht gefestigt haben und wohl eher an der Basis Handlungsbedarf besteht. Erst in dem Moment, wenn sich jedes Kind gleichwohl ob mit oder ohne Gendersternchen und Gendergap durch alle Berufsgruppen angesprochen fühlt, können wir von Geschlechtergerechtigkeit sprechen.

Deborah Kircheis

Universität Rostock

BA Politikwissenschaft/Kommunikations- und Medienwissenschaft

Literatur/Quellen:

[1] https://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/schule-schweden-neues-geschlechtsneutrales-personalpronomen-a-1025479.html

[2] https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/queerspiegel/studie-aus-schweden-geschlechtergerechte-sprache-wirkt/24906988.html

[3] https://www.tagesspiegel.de/wissen/gender-in-der-sprache-feuerwehrfrauen-und-geburtshelfer-helfen-bei-der-berufswahl/12023 192.html

[4] https://vds-ev.de/gegenwartsdeutsch/gendersprache/gendersprache-unterschriften/schluss-mit-dem-gender-unfug/

[5] tagesspiegel.de/kultur/streit-um-gendersprache-es-heisst-sprache-nicht-schreibe/24092268.html

[6] https://www.welt.de/kultur/article177239024/Gerechte-Sprache-Warum-die-Gendersternchen-Debatte-so-deprimierend-ist.html

[7] https://www.tagesspiegel.de/kultur/protest-gegen-gender-unfug-das-fuehrt-nur-in-neue-sackgassen/24084132.html

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