Eine wichtige Säule der Meinungsbildung – Die Multiperspektivität

Autor: Tobias Dietzek philosophiert über den Begriff der Multiperspektivität

Eine Eigenschaft unserer heutigen Gesellschaft, die durch das Grundgesetz abgesichert ist, ist die sogenannte Meinungsfreiheit. Diese ist im Artikel 5 Abs. 1 wiederzufinden und besagt: „Die Meinungsäußerungsfreiheit gewährt jedem Menschen das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten.“[1]. Demnach haben alle Bürgerinnen und Bürger das Recht, eine eigene Meinung zu unterschiedlichsten Themen zu haben und diese auch zu veröffentlichen.

Doch wie bildet sich überhaupt eine Meinung über eine Thematik, beispielsweise im Falle eines Krieges? Um diese Frage zu klären, wollen wir einen Blick in die schulische Bildung wagen. Was spielt dort eine entscheidende Rolle beim Erwerb der Kompetenz, sich eine eigene Meinung bilden zu können? Wie werden Schülerinnen und Schüler darauf vorbereitet, wählen zu gehen oder sich an politischen Diskussionen zu beteiligen? Im Sozialkundeunterricht spielt hier der Beutelsbacher Konsens eine wichtige Rolle. Er legt drei Leitlinien fest, an denen entlang die Lehrkraft ihren Unterricht planen sollte: Schülerorientierung, Kontroversitätsgebot, Überwältigungsverbot.

Die beiden letzteren werden in Bezug auf die Meinungsbildung fokussiert: Das Überwältigungsverbot besagt zusammengefasst, dass die Lehrer die Schülerinnen und Schüler nicht mit einer einzelnen Sichtweise überwältigen sollen. Das bedeutet, es soll ihnen beispielsweise keine politische Ansicht indoktriniert werden. Also fällt es für den Unterricht flach, dass eine Lehrkraft bei der Behandlung einer politischen Debatte eine Konfliktpartei positiver oder negativer darstellt als die andere(n). Und was besagt das Kontroversitätsgebot? Sobald die Thematik aus Sicht A genauer untersucht wird, muss dies auch mit einer weiteren Sichtweise, wie Sicht B passieren. Es besagt also, dass eine Thematik immer kontrovers vermittelt werden soll: Sprich, es gibt keine klare Antwort auf Fragen (z.B. bezüglich einer Gesetzesdebatte), sondern es gibt unterschiedliche, perspektivische Herangehensweisen und somit auch unterschiedliche Antwortmöglichkeiten. Daher sollten sie auch so kontrovers, wie sie sind, vermittelt werden. Genau genommen bedeutet dieses Wort, dass mindestens zwei verschiedene Perspektiven beleuchtet werden sollten, die zusätzlich im besten Fall sehr weit voneinander entfernt liegen oder sich widersprechen. Dann zeigt es den Heranwachsenden auf, dass es mehrere legitime Meinungen zu einem Thema XY gibt. Multiperspektivität könnte man als Kontroversität in Reinform betiteln. Sie besagt, wie sich aus dem Namen ableiten lässt, dass nicht nur zwei verschiedene Meinungen in die Vermittlung von Sachverhalten aufgenommen werden, sondern eben möglichst viele. Die Didaktiken der unterschiedlichen Fächer, dies bleibt anzumerken, definieren die genannten Begriffe zwar immer anders (ein Vergleich mit der Geschichtsdidaktik zeigt dies), jedoch tauchen die Begriffe in fast jeder Didaktik auf. Außerdem meint Multiperspektivität im Kern immer das Gleiche: Eine Thematik aus mehreren Sichtweisen heraus nachvollziehen.

Das ist im Unterricht nur schwer umsetzbar, genauso wie in der Informationsvermittlung über Massenmedien, die wir uns in Bezug auf Multiperspektivität nun genauer anschauen.

Als Medienkonsumierender habe ich stets die Möglichkeit, mich multiperspektivisch zu informieren, was nicht zuletzt dem wachsenden Medienangebot geschuldet ist. Ob die Zeitschriften/Fernsehsender/Internetdienste etc. immer unterschiedliche Positionen darstellen, ist eine sehr aktuelle, jedoch andere Frage, die hier keine weitere Betrachtung findet. Theoretisch habe ich als Konsumentin oder Konsument jedoch die Möglichkeit das Internet, Print- oder Audio- beziehungsweise audiovisuelle Medien zu nutzen, um mir meine Meinung zu bilden. Dabei bekomme ich im besten Fall unterschiedliche Sichtweisen vermittelt, aus denen ich dann für meinen Meinungsbildungsprozess die nötigen Informationen ziehen kann. Am Ende liegt es dann an mir, ob ich mich einer der erfahrenen Perspektiven anschließe, eine völlig neue Perspektive erschaffe oder mich von dem Thema abwende.

Aber konsumieren wir immer mehrere Medien am Tag, damit das machbar ist? Haben wir überhaupt die Zeit dazu? Im April 2019 wurden 2468 Personen zu ihrem täglichen Medienkonsum befragt. Dabei kam heraus, dass der Deutsche demzufolge im Durchschnitt 236 Minuten am Tag fernsieht. Darauf folgt das Internet (inhaltlich) mit 101 Minuten. Nun könnte sich folgende Frage gestellt werden: Reichen diese zeitlichen Ressourcen, die uns zur Verfügung stehen, aus, damit wir uns ausgewogen informieren können? Wir arbeiten größtenteils den halben Tag, haben Hobbys und Familien und benötigen Zeit für Schlaf. Berücksichtigt werden sollte außerdem, dass die Daten aus der Statistik nicht bedeuten, dass die Befragten sich in der angegebenen Zeit auch über wichtige gesellschaftliche und politische Themen informieren. Sie nutzen die Medien somit gegebenenfalls auch zu Unterhaltungszwecken. Aus unserer Sicht entwickelt sich daraus ein Dilemma, dass es zu lösen gilt: Wie kann die Meinungsbildung über Massenmedien besser funktionieren? Wie kann die Multiperspektivität für den Konsumenten auch bei wenig Zeit gewahrt bleiben? Und wie kann dies schlussendlich umgesetzt werden?

Unsere Lösung: Multiperspektivität bestmöglich in die einzelnen Artikel hereintragen. Bei Berichten funktioniert das wie folgt: Bei einem Bericht geht es um eine möglichst objektive Betrachtung der Ereignisse, doch auch auf der Grundlage von alleinstehenden Fakten verläuft die Meinungsbildung oft sehr voreilig. Die Kontroversität lässt sich in dieser Artikelform umsetzen, indem mehrere Perspektiven angerissen werden, um aufzuzeigen, dass es sie gibt. Dies deutet den Leserinnen und Lesern an, dass ein Thema XY kontrovers ist und es schon mehrere unterschiedliche und gegensätzliche Ansichten dazu gibt, was auch die Komplexität von manchen Themen aufzeigt, für die wir uns oft einfache Lösungen erhoffen.

Bei Kommentaren sieht dies ein wenig anders aus. Sie tragen die Eigenschaft der Subjektivität in sich, was bedeutet, dass sie eine bestimmte Sicht auf das Thema XY vermitteln, wie die des Autors/ der Autorin.

Beispiel: „Das Unrechtssystem von Land XY“. Hier ist eine klare Perspektive auf einen Sachverhalt erkennbar. Auf der einen Seite sind unsere Autorinnen und Autoren trotz dieser Subjektivität dazu angehalten, die Kontroversität des Themas in ihrem Artikel offenzulegen. Das bedeutet, dass es einen Verweis darauf geben muss, dass es auch noch andere Perspektiven auf das Thema gibt und im besten Fall werden davon einige kurz angerissen. Eine zweite Instanz, die die Multiperspektivität vermittelt und somit zur ausgeglicheneren Meinungsbildung beiträgt, ist die Suche nach Autorinnen und Autoren, die ebenfalls die Thematik interessant finden, aber eine andere Sicht darauf haben. Somit könnte es zu jedem Kommentar einen Gegenkommentar geben, damit wir die Kontroversität der Thematik XY nachvollziehbarer werden lassen können. Dadurch können verschiedene Perspektiven im gleichen Umfang dargestellt werden. An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass es zum derzeitigen Zeitpunkt noch schwer realisierbar ist, jeden Kommentar mit einem Gegenkommentar zu ergänzen. Dies ist sehr abhängig von der Masse der Autorinnen und Autoren und wie breit diese aufgestellt ist. Desto heterogener Leser- und Autorenschaft aufgestellt sind und desto engagierter diese Personen agieren, umso besser kann die genannte Maßnahme, die zu Kontroversität und Multiperspektivität beiträgt, realisiert werden.

Festzuhalten bleibt bei der Unterscheidung von Bericht und Kommentar, dass wir uns bemühen, den Unterschied bezüglich Objektivität und Subjektivität bestmöglich umzusetzen. Jedoch sollte man sich nie darauf verlassen, dass in einem Bericht nur Fakten stehen. Diese Problematik greift auch Gerd Strohmeier auf, indem er schrieb: „Zum anderen erhalten tatsachenbetonte Darstellungsformen oftmals – absichtlich oder unabsichtlich – einen kommentierenden Charakter, da diese „kommentierenden“ tatsachenbetonten Darstellungsformen nicht als meinungsbetonte Darstellungsformen etikettiert werden, können deren „implizite Kommentare“ eine viel stärkere Wirkung als die „expliziten Kommentare“ meinungsbetonter Darstellungsformen entfalten […].“[2] Wir versuchen jedoch in Berichten, nach der Sichtweise des kritischen Realismus[3] der objektiven Informationsvermittlung so nah wie möglich zu kommen.

Neben der Integration kontroversitätsfördernder bzw. multiperspektivischer Elemente in die einzelnen Artikel wird es auch angestrebt, Themenbereiche möglichst objektiv darzustellen, indem mehrere Artikel ein bestimmtes Thema aus verschiedensten Blickwinkeln betrachten. Dies passiert in Form von Schriftenreihen. So hat der Zigarettenkonsum beispielsweise neben der medizinischen Ebene auch eine rechtliche, eine chemische und eine biologische Ebene und kann somit aus unterschiedlichen Fachrichtungen mit verschiedenen Schwerpunkten betrachtet werden. Durch die Berücksichtigung dieser unterschiedlichen Perspektiven auf das Thema wird seine Komplexität fassbarer gemacht und es wird möglichst umfassend berichtet, da es nicht einseitig aus einer der genannten Sichtweisen betrachtet wird. Auch hier bleibt zu betonen, dass die dabei angestrebte Multiperspektivität niemals gänzlich erfüllt werden kann, da niemand alle Sichtweisen auf ein Thema kennt. Dies ist unter anderem einer der Gründe, warum wir uns in unserer Arbeit lediglich der Objektivität annähern können, diese aber in ihrer gänzlichen Umsetzung ein Ideal bleibt. Mit dieser Ansicht folgen wir, wie bereits erwähnt, der Sichtweise des kritischen Realismus.

Tobias Dietzek

Universität Rostock

LA Gymnasium Sozialkunde/Geschichte

Literatur/Quellen:

[1]Bundeszentrale für politische Bildung: Meinungsfreiheit, online unter: http://www.bpb.de/nachschlagen/lexika/recht-a-z/22555/meinungsfreiheit [letzter Zugriff:06.11.2019].

[2]Strohmeier, Gerd (2004): Politik und Massenmedien. Eine Einführung, S. 314-315.

[3] Mehr dazu und die anderen Sichtweisen auf das Zusammenspiel von Berichterstattung und Objektivität: Post, Senja (2013): Wahrheitskriterien von Journalisten und Wissenschaftlern, S. 50 ff.

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