Südafrika 26 Jahre nach dem Ende der Apartheidpolitik

Autor: Dennis Schult über Freiheit und Gleichberechtigung in der multikulturellen Republik

Nirgendwo auf der Welt war die Rassentrennungspolitik über eine derart lange Zeit, so detailliert und umfänglich gesetzlich und gesellschaftlich etabliert wie in Südafrika die Apartheidpolitik. Wie kam es dazu, dass Regierungen versuchten eine „homogene Bevölkerung“ in verschiedenen Landesteilen herbeizuführen und wie hat sich die politische Situation seit dem Ende, dieser auf Spaltung ausgelegten Weltanschauung und der separierenden Gesellschaftskonstruktion, weiterentwickelt? Dieser Frage soll diese kurze Analyse der geschichtlichen Vergangenheit Südafrikas (Teil I) und der aktuellen Situation (Teil II) in einem zweiteiligen Bericht auf den Grund gehen.

Der europäische Kolonialismus und die Gründung von Kapstadt
Zum Ende des 15. Jahrhunderts erreichten portugiesische Kaufleute das Kap der guten Hoffnung auf ihrem Weg nach Indien (1). Bartolomeu Diaz umrundete kurz zuvor als erster Europäer das Kap und bereitete mit seinen Entdeckungen die Grundlage für die Erschließung der Route von Europa in den südlichen Teil Asiens. Durch den Austausch von Handelsgütern mit anderen Ländern, versuchten die Portugiesen ihren Wohlstand auszubauen und mit ihrem weltweiten Einfluss das eigene Kolonialreich zu erweitern. Von dem Zeitpunkt an war das südlichste Land Afrikas nicht nur für sie, sondern auch für die Engländer und Niederländer von besonderem Interesse, die am Anfang des 17. Jahrhunderts ebenfalls am Kap der guten Hoffnung eintrafen (2). Die „East Indian Companies“ der beiden Länder sahen in dem südwestlichsten Punkt des afrikanischen Kontinents einen idealen Ort, um vor der weiteren Reise durch das Indische Meer ihre Vorräte aufzufüllen und mit ihren Schiffen für eine Zeit zu verweilen.

Nur 50 Jahre später wurde aus einem kleinen Außenposten am Ende des Kaps die erste Siedlung der Niederländer (3). Im Zuge dieser Entwicklung wurde die Stadt Kapstadt im Jahr 1652 gegründet. Bereits 6 Jahre später brachten sie die ersten Sklaven dort hin, um im Auftrag der „weißen“ Einwanderer zu arbeiten (4). Zum Ende des 17. Jahrhunderts immigrierten sodann einige Franzosen an das Kap, womit der Anteil verschiedener ethnischer Bevölkerungsgruppen weiter expandierte, die sich vor Ort mit den indigenen Völkern der Zulu, Thlokwa, Ndebele und Sotho konfrontiert sahen. Kurz vor Beginn des 18. Jahrhunderts begann schließlich die Besatzung Kapstadts durch die Briten, die das umliegende Gebiet einige Jahre später für ungefähr 6 Millionen £ von den Niederländern abkauften – von nun an war das Kap eine britische Kolonie, die in dieser Zeit zum Großteil von Buren bewohnt wurde (5). Infolge des Aufeinandertreffens der Buren – der niederländisch-, deutsch- und französischsprachigen Siedler – mit den Ureinwohnern der Kap Region, wurden die einheimischen Stämme binnen einiger bewaffneter Konflikte in den inneren Teil des Landes vertrieben. Bald darauf machten auch die Buren, die sich durch die britischen Kolonialherren entmachtet sahen, auf die Suche nach neuen Siedlungsgebieten außerhalb Kapstadts, die sie in militante Konflikte mit den dorthin geflüchteten indigenen Völkern verwickelten (6). Die Briten erweiterten daraufhin ihre Vormachtstellung und setzten ihre Interessen mit blutigen Kämpfen gegen die Buren und die einheimischen Stämme durch, sodass sie die Herrschaft über alle ansässigen Völker erringen konnten und ihnen hinterher ihre Rechte entzogen – allein der britischen Kolonialverwaltung war es nunmehr erlaubt, über die Zukunft der Region rund um Kapstadt zu verfügen (7).

Land Act & Urban Areas Act
Mit der Entdeckung zahlreicher Gold- und Diamantenvorkommen rund um die Stadt Kimberley im Jahr 1867, begann der Kampf um die wertvollen Rohstoffe, die vielen Menschen den Traum von einem Leben in monetärer Absicherung in Aussicht stellten. Während die „weißen“ Besatzer zum Großteil im Besitz der dort ansässigen Minen waren, so musste die „schwarze“ Bevölkerung die schwere körperliche Arbeit vollziehen und in den Bergwerken nach Gold und Diamanten schürfen. Der Gold- und Diamantenrausch heizte auch die bewaffneten Konflikte in der Region erneut an, woraufhin die siegreichen britischen Kolonialherren mit Gesetzen in den jeweiligen Verwaltungsgebieten über das Schicksal der unterlegenen Bevölkerung entschieden (8).

Infolgedessen wurde die Rassentrennungspolitik mit zwei erlassenen Verordnungen gesetzlich in die Wege geleitet: Der „Land Act“ im Jahr 1913 führte zur administrativen Enteignung der eingeborenen Bevölkerung und schuf eine räumliche Trennung in Gebiete, die ausschließlich für die „weiße“ sowie für die „schwarze“ Population vorgesehen waren; mit dem Ziel, verschiedene ethnische Gruppen voneinander zu trennen (9). Mit dem „Urban Areas Act“ – einer zusätzlichen legislativen Regelung aus dem Jahr 1923 – limitierte die britische Administration die Anzahl der hauptsächlich „schwarzen“ Arbeitskräfte in den größeren Städten Südafrikas (10). Die „schwarzen“ Südafrikaner mussten daraufhin, mit wenigen Ausnahmen, einen Arbeitsvertrag vorlegen und eine Gebühr zahlen, sofern sie in den Städten einer beruflichen Tätigkeit nachgehen wollten. Dies ging einher mit weiteren Einschränkungen ihrer persönlichen Rechte. Das Ziel verfolgend, die Urbanisierung der indigenen Bevölkerung zu begrenzen, war die Grundlage der Apartheidpolitik geschaffen (11).

Gründung der Widerstandsbewegung „ANC“ unter Mitwirkung des späteren Präsidenten Nelson Mandela
Mit der zunehmenden Unterdrückung der Mehrheit der Bevölkerung durch die Minderheit der britischen Kolonialmacht, wuchs der Widerstand innerhalb einiger Teile der Gesellschaft und der transkulturelle Kampf gegen die Apartheid. Dies führte dazu, dass im Zuge des „Second Land Act“ das Gebiet der „Schwarzafrikaner“ von ca. 7% auf 13% der Landfläche Südafrikas vergrößert wurde, was in Anbetracht des Bevölkerungsanteils der indigenen Volksgruppen von 60% immer noch weit unter den gebührenden Ansprüchen lag (12). Da sämtliche Oppositionsbewegungen unter Strafe gestellt waren, gründete sich die „Youth League“ des „ANC“ (African National Congress) im Jahr 1944 eingangs im Untergrund, um eine Bewegung für die Ablösung der ausländischen Vorherrschaft und für Entwicklung, Fortschritt sowie nationale Befreiung zu initiieren. Mit dabei war auch der spätere Präsident Südafrikas, Nelson Mandela. Trotz der Unzufriedenheit in vielen unterdrückten Bevölkerungsgruppen, verschärfte die britische Kolonialregierung die Rassentrennungspolitik, indem einerseits die räumliche Segregation der ethnischen Gruppen mit dem „Group Areas Act“ aus dem Jahr 1950 gesetzlich verankert wurde und andererseits der „Population Registration Act“ zur Kategorisierung der Einwohner in „Weiße“, „Farbige“ und „Eingeborene“ allein aufgrund der Hautfarbe und Herkunft führte (13). Eine Erweiterung dieser Apartheidpolitik fand sich in dem „Mixed Marriages Act“, der ein Verbot von Ehen zwischen den „weißen“ und „nicht-weißen“ Einwohnern vorsah und dem weiterführenden „Immorality Act“, der für sexuelle Beziehungen zwischen den Bevölkerungsgruppen hohe Strafen festsetzte (14).

Ausgehend von den 1950er Jahren bis in die frühen 1990er Jahre erfuhr der Widerstand gegen die britische Kolonialmacht unter den Bewohnern landesweit mehr Beteiligung, sodass oppositionelle, „rassenübergreifende“ Bewegungen, wie z.B. die „Congress Alliance“ sowohl national als auch international mehr Unterstützung bekamen (15). Diesen Prozess konnten auch Verbote der AntiApartheid-Organisationen (wie der ANC und der „PAC“ – Pan Africanist Congress) sowie blutige Niederschlagungen von Demonstrationen (insbesondere das Sharpeville-Massaker, 1960) nicht mehr aufhalten, sodass die legislativen Regelungen der Apartheidpolitik letztendlich von 1990 bis 1994 stückweise abgebaut wurden (16). 1994 fanden schließlich die ersten demokratischen Wahlen statt, bei denen Nelson Mandela, der zuvor über 18 Jahre auf der Gefängnisinsel „Robben Island“ inhaftiert war, zum Präsidenten gewählt wurde (17).

Dennis Schult

Universität Rostock

LA Grundschule (Mathematik, Deutsch, Englisch, Sachunterricht)

Literatur und Quellen:

1-17 Nattress, Gail (2019): A Short History of SOUTH AFRICA. Johannesburg & Cape Town: Jonathan
Ball Publishers

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.