Die Drosten-Studie – Worum geht es eigentlich wirklich?

Autor: Sven Paulo Mucavele über die Vorwürfe zur Drosten-Studie und den wissenschaftlichen Diskurs

Der Virologe Christian Drosten ist seit Beginn der Corona-Krise ein oft genannter Wissenschaftler. Ende April veröffentlichten er und sein Team die Studie An analysis of SARS-CoV-2 viral load by patient age, worin er die Viruskonzentration bei PatientInnen unterschiedlicher Altersgruppen untersuchte (Drosten 2020). Am 25.05.2020 veröffentliche die Bild-Zeitung daraufhin einen Artikel mit folgender Schlagzeile: „Drosten-Studie über ansteckende Kinder grob falsch – Wie lange weiß der Star-Virologe schon davon?“. Darin unterstellt die Bild Drosten mit seiner Studie „komplett daneben zu liegen“ (Piatov 2020). Doch inwiefern ist diese Anschuldigung berechtigt und wie genau sieht Drostens Forschung aus?

Drostens Team untersuchte von Januar bis zum 26. April in der Berliner Charité 59.831 PatientInnen auf eine COVID-19 Infektion. Davon wurden 3.712 positiv getestet. Das sind ca. 6,2 % der ProbandInnen. Dabei unterliegt die Studie der Annahme, dass PatientInnen mit höherer Viruskonzentration im Rachen das Virus auch leichter übertragen. In dieser Studie untersuchte Drostens Team besonders die Unterschiede zwischen den verschiedenen Altersgruppen, um eine wissenschaftlich fundierte Empfehlung oder Warnung zur Öffnung von Kindertagesstätten und Schulen geben zu können. Laut der Studie bestünde kein Unterschied in der Ansteckungsgefahr zwischen Kindern und Erwachsenen. Demnach könnte es gut sein, dass Kinder genauso leicht andere Menschen anstecken wie Erwachsene, wodurch das Virus sich durch eine Öffnung der Kindertagesstäten und Schule leichter verbreiten würde. Allerdings vermerkte das Team zugleich, dass im Verlauf der Studie Kinder und Jugendliche stark unterrepräsentiert waren. Dies lag daran, dass Kinder seltener getestet wurden, da sie mildere Symptome aufweisen und daher seltener als potenziell krank angesehen wurden. Durch das Fehlen an jungen ProbandInnen hätte es daher zu Fehlinterpretationen der Ergebnisse kommen können (Drosten 2020).

Laut der Bild-Zeitung gab es auf diese Studie heftige Kritik aus wissenschaftlichen Kreisen. Die Bild zitierte dabei unter anderen den Wirtschaftsprofessor Jörg Stoye, der zur Arbeit gesagt haben soll, dass er in der Drosten-Studie keinen Beleg dafür sieht, dass Schulen weiter geschlossen bleiben sollten. Zudem soll er Drosten vorgeworfen haben, die Ergebnisse gefälscht zu haben (Piatov 2020).

Doch wie kann es innerhalb der Wissenschaft zu so konträren Meinungen kommen? Um diese Frage zu beantworten muss zunächst der wissenschaftliche Diskurs an sich näher erläutert werden. An diesem nehmen (für gewöhnlich) nur Personen teil, die eine fachliche Expertise besitzen. Zudem ist im wissenschaftlichen Diskurs wichtig, dass alle getätigten Aussagen, Studien und Methoden frei und aufrichtig getätigt werden, also jeder seine Meinung zu bestimmten Sachverhalten frei äußern und in Frage stellen darf. Durch diese kritische Auseinandersetzung von WissenschaftlerInnen mit den Resultaten anderer ForscherInnen kommt es daher zu Überarbeitungen an der Umsetzung der Forschung, wodurch sich die Qualität der Studie verbessert und Wissen generiert wird (unimuenster.de). Demnach sind Kritik an den Methoden oder der Interpretation einer wissenschaftlichen Studie vollkommen normal und fördern den Prozess der Erkenntnisgewinnung. Daher sind Kritiken zur Drosten-Studie eher normal.

Allerdings haben sich einige in dem Bild-Artikel erwähnte „Kritiker“ gegen den Artikel gelehnt. So sagte Stoye in einem Interview mit dem Spiegel: „Drosten ist ein Gigant der Virologie. Ich habe von seiner Disziplin keine Ahnung, ich bin Statistiker. Als ich heute von dem „Bild“-Artikel erfahren habe, habe ich ihm gleich eine E-Mail geschrieben, wie unangenehm mir das ist. […]. Ich will nicht Teil einer „Bild“- Kampagne sein.“ (Petersen 2020). In dem Interview erklärt er auch weiter, dass er seine Aussagen über die Drosten-Studie auf Englisch getätigt hat und sie hier falsch und zu hart übersetzt wurden. Ein Beispiel dafür ist der Satz „My only point is, that the paper’s nonsignificance result seems to be driven by researcher choices.“ (Petersen 2020). Hier meinte er allerdings, dass sich die Irrelevanz des Ergebnisses aus der Wahl der Tests durch den Forscher ergibt und nicht daher, das Drosten das Ergebnis manipuliert habe (Spiegel.de). Tatsächlich hat eine Studie aus China, bei der das Kontaktverhalten von PatientInnen untersucht wurde, ergeben, dass ein Kind nur ein Drittel des Risikos eines Erwachsenen hat, sich zu infizieren (Petersen 2020).

Inwiefern die Kinder bald wieder uneingeschränkt in die Schulen und Kindertagestätten zurückkehren können, ist noch nicht abzusehen. Außerdem liegt diese Entscheidungsmacht nicht bei WissenschaftlerInnen wie Drosten, sondern bei den PolitikerInnen. Die VirologInnen haben lediglich die Aufgabe zu untersuchen, wie sich das Virus ausbreitet und wie man es aufhalten kann. Dass sich dabei die unterschiedlichen Interpretationen der Resultate scheinbar widersprechen ist ein normaler Prozess, der zum wissenschaftlichen Diskurs dazu gehört. Dadurch werden weitere Ansichten und Ideen innerhalb des Diskurses ausgetauscht und weiterentwickelt, wodurch dann Empfehlungen an die Politik weitergeleitet werden. Daher sollten unterschiedliche Meinungen zwischen WissenschaftlerInnen häufig nicht als „Streit“, sondern als das angesehen werden, was sie sind – Wissenschaft.

Sven Paulo Mucavele

Universität Rostock

LA Gymnasium Chemie/Spanisch

Literatur und Quellen:

Drosten, C. et al (2020), An analysis of SARS-CoV-2 viral load by patient age, URL: https://zoonosen.charite.de/fileadmin/user_upload/microsites/m_cc05/virologieccm/dateien_upload/Weitere_Dateien/analysis-of-SARS-CoV-2-viral-load-by-patient-age.pdf [letzter Zugriff am 20.07.2020].

Elsner, L., Wissenschaft im Diskurs – Wie Wissenschaftlichkeit intersubjektiv bestimmt wird, URL: https://www.unimuenster.de/imperia/md/content/wissenschaftstheorie/preisfrage/elsler_-_wissenschaft_im_diskurs.pdf [letzter Zugriff am 20.07.2020].

Petersen, L. (2020), Kinder so ansteckend wie Erwachsene?, URL: https://www.tagesschau.de/inland/coronavirus-kinder-101.html [letzter Zugriff am 20.07.2020].

Piatov, F. (2020), Drosten-Studie über ansteckende Kinder grob falsch – Wie lange weiß der Star-Virologe schon davon?, URL: https://www.bild.de/politik/inland/politikinland/fragwuerdige-methoden-drosten-studie-ueber-ansteckende-kinder-grob-falsch- 70862170.bild.html [letzter Zugriff am 20.07.2020].

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