Von Verschwörungserzählungen

Autorin: Deborah Kircheis berichtet über die Aktualität und die Anziehungskraft von Verschwörungstheorien

Am 29.08.2020 kamen 38.000 Menschen in Berlin zusammen, um zu demonstrieren. (1) Diese Masse aus Menschen bestand nicht nur aus Gegner*innen der Corona-Regelungen, sondern bildete eine Mischung aus diversen sozialen Gruppierungen, darunter auch unterschiedliche Verschwörungsgläubige. Bei Demonstrationen blieb es aber nicht. Am Nachmittag versuchte eine Gruppe von Menschen das Reichstagsgebäude zu stürmen. So zeigten die Menschen umso deutlicher ihren Wunsch nach Veränderungen, oder wenn man es in ihren Worten wiedergeben will: nach einer Revolution.

Doch wer sind Verschwörungstheoretiker, wie zeichnen sich Verschwörungstheorien aus und warum sind so viele Menschen anfällig für Erzählungen dieser Art? All das soll in diesem Artikel kurz erklärt werden.

Der Duden definiert Verschwörungstheorien als: „Vorstellung oder Annahme, dass eine Verschwörung, eine verschwörerische Unternehmung Ausgangspunkt von etwas sei“. Forscher*innen sprechen immer häufiger von Verschwörungserzählungen, um klarzustellen, dass sie sich von wissenschaftlichen Theorien unterscheiden. Verschwörungstheorien können konkrete Fakten beinhalten – die Verbindungen, die dazwischen gezogen werden und jeweilige Schlussfolgerungen sind trotzdem falsch.

Verschwörungserzählungen können bedrohliche, unwahrscheinliche Situationen augenscheinlich erklären. Denn Menschen sind dazu veranlagt, den Sinn in Ereignissen zu suchen, gleichzeitig stellen Verschwörungstheorien eine Strategie gegen die eigene Unsicherheit und Angst dar. Außerdem entlasten sie die Menschen von ihrer eigenen Verantwortung. Sprechen wir einer vermeintlich gefährlichen Situation die Gefahr ab, dann können wir die Folgen auch von uns weisen.

Durch den gemeinsamen Glauben an Verschwörungserzählungen entsteht außerdem ein Gemeinschaftsgefühl und die Menschen entdecken ihre eigene Macht in Situationen, an denen sie sonst nichts verändern könnten. Dadurch kann sogar das eigene Selbstwertgefühl gesteigert werden. Vor allem dienen Verschwörungserzählungen aber als Ausdruck der Kritik und Unzufriedenheit an den herrschenden Autoritäten.

Eine Umfrage der Friedrich-Ebert-Stiftung ergab, dass beinah jede*r zweite Deutsche glaubt, eine geheime Organisation würde Einfluss auf politische Entscheidungen haben. (2) Forscher*innen entdeckten keinen Zusammenhang zwischen bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen oder psychischen Problemen und dem Empfänglich-Sein für Verschwörungserzählungen. Der entscheidende Faktor ist, wenn Menschen sich besonders machtlos fühlen oder sie besonders schlecht Unsicherheiten akzeptieren können. Das kann grundsätzlich jede*m einmal so gehen, so ist keine*r wirklich resistent gegenüber Verschwörungserzählungen.

Alle Menschen neigen dazu, Behauptungen zu glauben, die dem eigenen Weltbild entsprechen (Bestätigungsfehler), kausale Zusammenhänge zwischen zufälligen Korrelationen herzustellen (Kausalfehler) oder das eigene Wissen zu überschätzen (Dunning-Kruger-Effekt). Das Glauben an Verschwörungserzählungen lässt sich also psychologisch sehr einfach erklären. Allein das Aussprechen einer Verschwörungstheorie hat laut Psycholog*innen einen Effekt auf uns. Deswegen wurde in diesem Artikel auf expliziten Beispiele verzichtet.

Deborah Kircheis

Universität Rostock

BA Politikwissenschaft/Kommunikations- und Medienwissenschaft

Literatur und Quellen:

1 https://www.mdr.de/nachrichten/panorama/ticker-corona-virus-sonnabendneunundzwanzigster-august-100.html

2 https://www.fes.de/index.php?eID=dumpFile&t=f&f=39654&token=b0885615499aae36a49159101cc5a114769827c4

Skudlarek, Jan (2019). Wahrheit und Verschwörung, wie wir erkennen, was echt und wirklich ist, Ditzingen: Reclam.

Gorman, Sara / Gorman, Jack (2017). Denying to the grave. Why we ignore facts, that will save us, New York: Oxford University Press.

Besand, Anja (2014). Gefühle über Gefühle. Zum Verhältnis von Rationalität und Emotionalität in der politischen Bildung. Zeitschrift für Politikwissenschaft, 3, S. 373-383.

Leitfaden Verschwörungstheorien (Hrsg. COMPACT Education Group) (PDF)

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