Verstehen Kinder Politik?

Autor: Dennis Schult berichtet über das politische Verständnis von Kindern

Politik und die Gestaltung politischer Bildung

Was ist mit Politik gemeint? Werden unterschiedliche Definitionsansätze von Politikwissenschaftler*innen zugrunde gelegt, so lässt sich feststellen, dass es keinen einheitlichen Politikbegriff gibt.1 Einigkeit herrscht darüber, dass es sich bei der Betrachtung politischer Prozesse um solche handelt, die entweder Einzelpersonen, Gruppen oder potenziell ganze Gesellschaften betreffen können. Je nachdem aus welcher Perspektive oder mit welchem Ziel politische Handlungsfelder hinterfragt bzw. problematisiert werden sollen, eignen sich Herangehensweisen aus verschiedenen Blickrichtungen. Schaut man sich beispielsweise die politische Bildung im Schulwesen an, so reicht es nicht fachliche Hintergründe und Themen für den Unterricht festzulegen, auch strukturelle Rahmenbedingungen von Bildungsinstitutionen müssen zum Gegenstand der Untersuchung hinzugezogen werden. Infolgedessen stellt u.a. das Machtgefälle zwischen Schüler*innen und Lehrer*innen ein institutionelles Problem dar, dass einem demokratischen Schulsystem entgegenwirken kann.2 Eine weitere Schwierigkeit liegt in der Vermittlung politischer Inhalte – selbst, wenn das Stundenkontingent verdoppelt und die fachdidaktische Forschung intensiviert würden, so braucht es qualifizierte und motivierte Lehrer*innen, die Lerninhalte angemessen vermitteln können. Denn falsch organisierter politischer Unterricht kann zu massiven Eingriffen in die kognitiven Strukturen und Denkmuster der Kinder führen, die der Gefahr ausgesetzt sind, moralisiert oder manipuliert zu werden3 – Politische Bildung ist also nicht per se gut; es braucht Handlungsrahmen und Richtlinien, die grundlegend zur Gestaltung eines adäquaten Lernens politischer Inhalte beitragen.

Um nun zur ausgehenden Fragestellung zurückzukehren, was Politik eigentlich bedeutet, ist für den schulischen Kontext eine Annährung über den „weiten“ und „engen“ Politikbegriff sinnvoll. Letzteres steht für alles, was wir in unserem Alltagsverständnis als politisch ansehen. Dies beinhaltet:

Das politische System, bestehend aus Staat, Parlamenten, Parteien, Politikern etc. sowie deren Beziehungen untereinander und die von diesem System ausgehenden bzw. in ihm stattfindenden Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozesse.“4

Der weite Politikbegriff hingegen stellt eine universelle und omnipräsente Dimension von Politik heraus. Demnach geschieht und entsteht sie:

„[…] immer und überall dort, wo Menschen den öffentlichen Aspekt ihres gesellschaftlichen Lebens zu regeln versuchen.“5

Politische Sozialisation innerhalb der Schule

Während der Grundschulzeit übernimmt innerhalb des föderalen Bildungssystems der Bunderepublik Deutschland in Mecklenburg-Vorpommern der Sachunterricht die besondere Aufgabe, Kinder in sozialwissenschaftliche Interpretationsmuster der Welt einzuführen, Grundfragen des Zusammenlebens in verschiedenen Gemeinschaften zu thematisieren sowie damit verbundene Rechte und Pflichten zu diskutieren6. Die in diesem Fachbereich gewonnen Erfahrungen sollen die Schüler*innen dazu befähigen, sich an demokratischen Entscheidungen beteiligen zu können und Grundprinzipien der Partizipation verinnerlicht zu haben. Interessanterweise wird die Rolle des Kindes nicht nur als Empfänger von Lerninhalten beschrieben. Von ihnen wird erwartet – aktiv – „an der Gestaltung einer demokratischen Gesellschaft mitzuwirken“ 7 und sich darüber hinaus „tolerant und vorurteilsfrei zu verhalten“ 7 sowie „für Toleranz und Offenheit einzusetzen“ 7.

Doch können Kinder politische Zusammenhänge wirklich verstehen?

Die Beantwortung dieser Problemstellung erfordert in erster Linie die Offenlegung der Angelegenheiten, die im Sachunterricht behandelt werden, um infolgedessen die Berechtigung bestimmter Themen im Unterricht beurteilen zu können. Inhaltlich geht es beim politischen Lernen nicht nur um die Problematisierung von sozialer Ungleichheit, Arbeitslosigkeit oder Macht bzw. Herrschaft, sondern auch um Krieg und Frieden – dies birgt viele Schwierigkeiten in sich. In Bezug auf soziale Ungleichheiten gilt es bestimmte Grenzen für Gesellschaftssysteme zu finden, die im Allgemeinen nicht klar definiert sind.8 Krieg und Frieden mag aus Sicht von Schüler*innen das am schwierigsten greifbare Thema zu sein, daher sollen diesbezüglich einige Überlegungen dargelegt werden. Was Krieg bedeutet, ist nicht nur vielen Kindern heutzutage in weiten Teilen Europas fremd – auch viele weitere Menschen hatten das Glück, nie in kriegerische Konflikte verwickelt worden zu sein. Fragt man danach, wie ein Krieg zustande gekommen ist, oder wer daran beteiligt ist, können auch hier viele, unabhängig von ihrem Alter, keine Antwort darauf geben. So sind im Bürgerkrieg in Libyen neben dem Militär verschiedener Länder, wie beispielsweise Saudi-Arabien, Ägypten und die Vereinigten Arabischen Emirate, auch Söldner involviert, die teils verdeckt und teils offen auf den Konflikt einwirken.9 Trotz der Komplexität von Bedingungsgefügen um kriegerische Auseinandersetzungen und gerade weil es Menschen gibt, die unverschuldet in lebensbedrohlichen Konfliktzonen zu Tode kommen, ist für Klafki das Thema Krieg und Frieden das erste epochaltypische Schlüsselproblem, das als Inhalt zum Kern allgemeiner Bildung hinzugefasst werden sollte – auch in der Grundschule5. Von Reeken ergänzt diesbezüglich: „Die Notwendigkeit von Politik ergibt sich aus grundsätzlichen Überlegungen zum Menschsein.“6 Beziehen wir dieses Zitat auf die eingangs präsentierten Zugänge zum engen und weiten Politikbegriff, kann geschlussfolgert werden, dass alles Politische nicht nur für Erwachsene sondern auch für Kinder relevant ist:

Wer früh gelernt hat, politischen Problemen nicht aus dem Weg zu gehen, sondern sich ihnen zu stellen, bei dem bzw. der bestehen die besten Aussichten auf ein langfristiges, womöglich lebenslanges politisches Engagement. (…) Entwicklungspsychologisch von Interesse ist die Tatsache, dass eine politische Persönlichkeit offensichtlich schon in sehr jungen Jahren angelegt wird.“ 10

Schlüsselwörter zur Implementierung und Vermittlung politischer Zusammenhänge sind in dieser Hinsicht die didaktische Reduktion auf das Wesentliche sowie die Altersangemessenheit und die Berücksichtigung personen- oder klassenspezifischer Besonderheiten. Gleichzeitig stellt Richter fest, dass es „keine alterstypischen Grenzen für das Verstehen gesellschaftlicher Probleme und den Erwerb entsprechender Handlungsfähigkeiten“ gibt.11

Worauf ist politisches Lernen in der Grundschule ausgerichtet?

Schauen wir uns nun an, worum es konkret im Unterricht geht, so stehen nicht nur die Inhalte im Vordergrund, die im vorherigen Absatz vereinzelt aufgeführt wurden und zusammengefasst werden können unter der Zielsetzung: Kindern ausgewählte Prinzipien von Demokratie nahezubringen, das Recht sowie Ideen der Menschenrechte zu vermitteln und zu erreichen, dass sie ihr Handeln daran orientieren. Daneben steht ein mindestens ebenso wichtiger Aspekt im Mittelpunkt: die Partizipation und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Während es einerseits konventionelle- (z.B. Mitarbeit in Bürgerinitiativen oder Parteien) und Protestformen (u.a. Petitionen, Demonstrationen, Boykott) politischer Beteiligung gibt, existieren andererseits auch sogenannte Mitwirkungsgremien in Klasse oder Schule, wie: Klassensprecher, Klassenrat oder das Schulparlament. In diesen Gremien lernen Kinder in einer Mikro-Ebene, wie Entscheidungsfindungsprozesse funktionieren und wie aus gegenüberstehenden Interessen Kompromisse geschlossen werden können.12

Dennis Schult

Universität Rostock

LA Grundschule (Mathematik, Deutsch, Englisch, Sachunterricht)

Literatur und Quellen:

1-5 von Reeken, D. (2001). Politisches Lernen im Sachunterricht. Didaktische Grundlegungen und unterrichtspraktische Hinweise Dimensionen des Sachunterrichts. Bd. 1. Baltmannsweiler: Schneider-Verlag Hohengehren.

6-7 Ministerium für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg, Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport Berlin, Senator für Bildung und Wissenschaft Bremen & Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur des Landes Mecklenburg-Vorpommern (Hrsg.). (2013). Rahmenplan Sachunterricht Grundschule.

8 https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/soziale-ungleichheit-44634

9 https://www.tagesschau.de/ausland/faq-libyen-101.html

10-12 von Reeken, D. (2001). Politisches Lernen im Sachunterricht. Didaktische Grundlegungen und unterrichtspraktische Hinweise. Dimensionen des Sachunterrichts. Bd. 1. Baltmannsweiler: Schneider-Verlag Hohengehren.

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